Leo Baeck Programm. Jüdisches Leben in Deutschland – Schule und Fortbildung

Eine gemeinsame Initiative der Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts e.V., der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung

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    Vorwort

    Bei der Behandlung deutsch-jüdischer Geschichte im Schulbereich besteht nach wie vor ein bedauerliches Defizit. Während deutsch-jüdische Geschichte in Hochschule und Wissenschaft inzwischen ihren festen Platz gefunden hat, wird sie in der Schule, in Lehrplänen, Schulbüchern und im Unterricht - von Ausnahmen abgesehen - weiterhin sehr unvollständig und einseitig behandelt. Juden erscheinen zumeist nur als Objekte, Verfolgte und Opfer des Holocaust. Das Positive und die aktive Rolle der Juden in der langen deutsch-jüdischen Geschichte bleiben vielfach ausgeblendet.

    Deutsch-jüdische Geschichte ist jedoch integraler Bestandteil der Deutschen Geschichte. Ohne sie bleibt Deutsche Geschichte unvollständig.

    Um bei der notwendigen Beseitigung des Defizits mitzuwirken und neuen Anstoß für den erforderlichen Perspektivwechsel zu geben, hat das Leo Baeck Institut, das seit 1955 der Erforschung und Vermittlung der deutsch-jüdischen Geschichte dient, eine Kommission eingesetzt. Diese hat nach Analyse von Lehrplänen und Schulbüchern eine Orientierungshilfe bzw. ein Kerncurriculum über deutsch-jüdische Geschichte für den Schulbereich erarbeitet.

    An den Kommissionsarbeiten waren das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands und der Zentralrat der Juden in Deutschland beteiligt.

    Die Orientierungshilfe wird nach Übergabe an die Kultusministerkonferenz und Übermittlung an die Kultusministerien der Länder hiermit veröffentlicht. Sie wird durch weitere Initiativen der Kommission zur Verbreitung der deutsch-jüdischen Geschichte begleitet werden.

    Das Leo Baeck Institut dankt allen, die mitgearbeitet oder unsere Arbeiten unterstützt haben.

    Prof. Dr. Michael Meyer, Internationaler Präsident des Leo Baeck Instituts
    Georg Heuberger, Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer des LBI
    Dr. Joachim Schulz-Hardt, Kommissionsvorsitzender

    Mitglieder der Kommission des Leo Baeck Instituts zur Verbreitung der

    deutsch-jüdischen Geschichte

     


    Weitere Mitarbeit:

     

    Einleitung

    Die deutsch-jüdische Geschichte wird im Schulbereich nach wie vor zumeist defizitär, einseitig und dadurch auch verzerrend behandelt. Dagegen hat es in den beiden letzten Jahrzehnten an den Universitäten durch neue Lehrstühle, Institute und umfangreiche Forschungen beachtliche Fortschritte auf dem Gebiet der deutsch-jüdischen Geschichte gegeben. Der Schulbereich blieb hiervon jedoch weitgehend unberührt. Dies gilt vor allem auch für die Ausbildung der älteren Lehrergeneration, insbesondere in den neuen Bundesländern sowie die unzureichenden Fortbildungsmöglichkeiten.

    Noch immer stehen bei der Berücksichtigung in Lehrplänen und Schulbüchern sowie im Unterricht – von Ausnahmen abgesehen – der Antisemitismus, die Verfolgungsgeschichte und der Holocaust einseitig im Vordergrund. Zwar ist fortdauerndes Erinnern an die Judenverfolgung und den Zivilisationsbruch des Holocaust im Unterricht unverzichtbar, doch eine weitgehende Reduzierung der deutsch-jüdischen Geschichte auf diese Dimension ist didaktisch verfehlt. Sie lässt Juden vorzugsweise als Objekte und Opfer der deutscher Geschichte erscheinen, nicht jedoch als Träger einer eigenen Kultur und als Mitgestalter der modernen Welt. Juden werden weiter primär aus dem Blickwinkel ihrer Umwelt dargestellt, während jüdische Selbstaussagen selten zu finden sind. Eine derartige Perspektive vermittelt ein einseitiges, unvollständiges und damit falsches Geschichtsbild, indem sie alles Positive der deutsch-jüdischen Geschichte ausblendet. Das Judentum gehört neben dem Christentum und dem Erbe Athens und Roms zu den Fundamenten europäischer und deutscher Kultur. Juden lebten seit römischer Zeit in Mitteleuropa, sie sind also keine jüngst eingewanderte Minderheit, sondern ein integraler Bestandteil deutscher Geschichte seit ihrem Beginn. Dies ist im Unterricht bisher nicht angemessen verdeutlicht worden.

    Bereits die deutsch-israelischen Schulbuchempfehlungen von 1985 haben das beschriebene Defizit für die Schulbücher nachgewiesen und Korrekturen angemahnt. Wie eine Nachfolgeuntersuchung aus dem Jahre 2000 belegt, wurden diese Empfehlungen aber nur unzureichend umgesetzt. Zwar gab man in der Zwischenzeit der deutsch-jüdischen Geschichte mehr Raum in Schulbüchern und verwendete im Text mehr jüdische Quellen, aber dies kam wiederum vorzugsweise nur den Themen Verfolgung und Holocaust zugute. Ausgehend von diesen Analysen hat das Leo Baeck Institut, das sich seit 1955 der Erforschung und Vermittlung der deutsch-jüdischen Geschichte widmet, in Zusammenarbeit mit Experten des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung, Erziehungswissenschaftlern und Schulpraktikern eine Bestandsaufnahme in Lehrplänen und Schulbüchern vorgenommen und festgestellt, dass besonders in folgenden Kernpunkten ein PERSPEKTIVWECHSEL bei Darstellung und Vermittlung deutsch-jüdischer Geschichte notwendig ist:

     

    1. Die Juden waren im Verlauf der Geschichte nicht nur Objekte, Verfolgte und Opfer, sondern auch Subjekte, aktive Bürger und kreative Mitgestalter von Geschichte, Kultur und Wirtschaft in Mitteleuropa. Es gibt keine kontinuierliche Verfolgung der Juden von den Kreuzzügen bis zum Nationalsozialismus.
    2. Seit der Spätantike besteht ein dauerndes Zusammenleben von Nichtjuden und Juden in Mitteleuropa. Diese fast zweitausendjährige gemeinsame Geschichte unterscheidet die deutsch-jüdische Geschichte von der anderer Minderheiten und verlangt entsprechende Berücksichtigung.
    3. Deutsch-jüdische Geschichte muss in ihren europäischen Zusammenhängen dargestellt werden, denn Aufklärung, Judenemanzipation und Antisemitismus waren zugleich europäische Phänomene. Zudem weist die jüdische Bevölkerung Deutschlands durch die sie betreffenden Verfolgungen eine starke europäische und transatlantische Mobilität auf.
    4. Das Judentum gehört zu den geschichtlichen Grundlagen unserer Kultur. Die jüdische Kultur als solche und die seit der Emanzipation bedeutenden kulturellen Leistungen von deutschen Juden für die deutsche Kultur bedürfen angemessener Behandlung.
    5. Die deutsch-jüdische Geschichte endet nicht mit dem Holocaust. In den seitdem fast 60 Jahren ist eine neue jüdische Gemeinschaft in Deutschland entstanden. Ihre Existenz und Bedeutung wird bisher nirgends im Unterricht auch nur erwähnt.


    Um diese grundsätzlichen Überlegungen in ihrer Anwendung auf das Curriculum zu veranschaulichen, hat das Leo Baeck Institut in Abstimmung mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands die folgende ORIENTIERUNGSHILFE für die Arbeiten an Lehrplänen und Standards, für Schulbucharbeit und die Zulassung von Schulbüchern sowie für Lehrerbildung und Fortbildung erarbeitet. Sie bezieht sich thesenartig auf die verschiedenen Epochen, Themen und Inhalte der deutsch-jüdischen Geschichte, die für die Schule relevant sind. Die Orientierungshilfe wird durch Quellen- und Literaturhinweise ergänzt.

    Juden im Mittelalter

    Leitgedanken:
    Die Siedlungsgeschichte zeigt, dass die jüdische Minderheit in Deutschland eine sehr lange Geschichte hat. Damit unterscheidet sie sich deutlich von anderen ethnischen oder religiösen Gruppen, die mitunter zum Vergleich herangezogen werden.
    Die Beschäftigung mit den Juden im Mittelalter ist notwendig, um Schülerinnen und Schülern ein differenziertes historisches Bild zu vermitteln. Juden besaßen im Hochmittelalter in zahlreichen Städten Bürgerrechte, gehörten dort eben nicht zu einer rechtlich ausgegrenzten Gruppe. Die Entstehung von Judenghettos ist ein Phänomen des 15. Jahrhunderts! Es gibt keine direkte Kontinuitätslinie von den religiösen Verfolgungen des Mittelalters bis hin zum Nationalsozialismus.


    Im Unterricht sollten folgende grundlegenden Inhalte vermittelt werden:

     

    Juden in der frühen Neuzeit und im Absolutismus

    Leitgedanken:

    Eine wichtige Aufgabe des Geschichtsunterrichts ist es, Schülerinnen und Schülern die Erkenntnis der Differenziertheit historischer Vorgänge zu vermitteln. Die parallele Behandlung von Hofjudentum, von Judenordnungen und sozialer Situation des Großteils der jüdischen Bevölkerung ermöglicht dies. Dabei kann das pauschale Urteil aufgebrochen werden, Juden hätten schon immer eine durchweg gehobene Stellung besessen.

    Im Unterricht sollten folgende grundlegenden Inhalte vermittelt werden:

     

    Jüdische Aufklärung und Emanzipation

    Leitgedanken:

    „Aufklärung“ und „Emanzipation“ sind zentrale Begriffe der politischen Bildung. Der Emanzipationsgedanke resultiert aus der Idee der Gleichheit und dem Toleranzgebot der Aufklärung. Toleranz ist ein zentraler Grundwert der Erziehung und die Grundlage für soziale Beziehungen in einer demokratisch verfassten Gesellschaft. In der unterrichtlichen Behandlung muss vermittelt werden, dass Juden nicht nur Objekte der Bemühungen nichtjüdischer Aufklärer oder gar des Reformabsolutismus, sondern selbst aktiv Beteiligte waren und einen Beitrag zu ihrer Emanzipation durch die jüdische Aufklärung lieferten. Durch die Beschäftigung mit dem Thema wird deutlich, dass für Toleranz und rechtliche Gleichstellung auch „gekämpft“ werden muss, Toleranz ergibt sich nicht per se.

    Im Unterricht sollten folgende grundlegenden Inhalte vermittelt werden:

     

    Juden im 19. Jahrhundert

    Leitgedanken:

    Das 19. Jahrhundert gilt als Geburtsstunde der Moderne, was in besonderem Maße für die jüdische Geschichte zutrifft. Bei den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen des 19. Jahrhunderts handelt es sich zugleich um ein europäisches Phänomen. Die Themen Emanzipation, Verbürgerlichung, Migration und Antisemitismus besitzen eine europäische Dimension, deren Behandlung für die europäische Integration von hoher Relevanz ist. Weiterhin ist eine intensive Beschäftigung mit dem 19. Jahrhundert für ein Verständnis der Wirkung langlebiger Strukturen und Mentalitäten wichtig (z.B. Antisemitismus als eine Wurzel der NS-Ideologie). Der Anspruch von Erklärungs- und Orientierungsfunktion von Geschichte lässt sich einlösen bei Fragen wie: Was ist Antisemitismus, und wie entstand er? Wie veränderte sich jüdisches Leben durch den sozialen Aufstieg?

     

    Im 19. Jahrhundert kam es zu einer religiösen Differenzierung der Juden in Deutschland. Die Kenntnis dieser Entwicklung ist wichtig, um zu einer angemessenen Sichtweise des Judentums zu kommen. Damit soll einer verbreiteten Vorstellung von „den“ Juden als einer in sich geschlossenen homogenen Minderheit entgegengewirkt werden.

    Im Unterricht sollten folgende grundlegenden Inhalte vermittelt werden:

     

    Juden im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik

    Leitgedanken:
    Hatten die meisten Juden bei Ausbruch des Krieges die allgemeine Kriegsbegeisterung geteilt, so trug die „Judenzählung“ 1916 wie kein anderer Akt des Regimes dazu bei, die Juden zu entfremden und an ihren Status als Stiefkinder zu erinnern. Dies sollte zum Anlass genommen werden, Ausmaß und Erfolg, aber auch Grenzen der Integration der jüdischen Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft differenziert zu diskutieren und zu bilanzieren.

    Juden hatten einen erheblichen Anteil an der kulturellen Blüte und den wissenschaftlichen Leistungen im deutschsprachigen Kulturbereich. Gerade zu diesem Thema bietet es sich an, sinnvolle fächerübergreifende Unterrichtsprojekte zu realisieren.
    Für den politikgeschichtlichen Bereich sollte deutlich werden, dass der Einfluss der Juden in der deutschen Politik kaum der Rede wert war und dass die Abwehr des Antisemitismus gerade daran scheiterte, dass dieser nicht aus der Mitte der Gesellschaft bekämpft wurde.

     

    Im Unterricht sollten folgende grundlegenden Inhalte vermittelt werden:

     

    Verfolgung und Selbstbehauptung im Nationalsozialismus

    Leitgedanken:
    Die didaktischen Begründungen für dieses Thema sind vielschichtig: Hier gilt es, Schülerinnen und Schülern den Ausgrenzungs-, Verfolgungs- und Vernichtungsprozess deutlich zu machen. Dabei soll Geschichte nicht nur als das Werk der großen Handelnden angesehen werden. Ebenso wichtig ist es, unterschiedliche Verhaltensweisen in der Bevölkerung aufzuzeigen (Täter - Opfer - Zuschauer) und die Frage der Verantwortlichkeit für die nationalsozialistischen Verbrechen zu thematisieren. Aus der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sollte sich ergeben, dass Schülerinnen und Schüler die Bewahrung und Weiterentwicklung einer demokratischen und rechtsstaatlichen Ordnung als ständige Aufgabe sehen und die Verantwortung erkennen, die jedem Deutschen auch aufgrund der Geschichte auferlegt ist.

    Weiterhin gilt es eine sprachliche Sensibilität für die Behandlung der Thematik im Unterricht zu entwickeln. Nationalsozialistische und rassistische Termini sollten als solche kenntlich gemacht und kritisch beurteilt werden. Die Darstellung sollte keinesfalls dominierend aus der Perspektive der Täter erfolgen, sondern die Erfahrungen und die Innensicht der jüdischen Bevölkerung gleichermaßen einbeziehen (Perspektivenwechsel).

    Im Unterricht sollten folgende grundlegenden Inhalte vermittelt werden:

     

     

    Der notwendige Perspektivwechsel sollte vor allem anhand folgender fünf Themen
    vollzogen werden:

     

    Juden in Deutschland nach 1945

    Leitgedanken:
    Es ist didaktisch wichtig, Schüler für die Situation der heute in Deutschland lebenden Juden und für ihr Selbstverständnis zu sensibilisieren, damit sie Juden nicht nur als NS-Opfer wahrnehmen. Dabei ist herauszustellen, dass es nach dem Holocaust, dem größten Einschnitt in der jüdischen Geschichte, eine Kontinuität des früheren deutschen Judentums nicht geben konnte. Es ist vielmehr erstaunlich, dass sich nach 1945 überhaupt wieder Juden in Deutschland niederließen, das für sie „das Land aus dem die Mörder kamen“ war; denn hier gab es für sie wenig Normalität, weil sie ständig mit der Vergangenheit konfrontiert waren.

    Im Unterricht sollten folgende grundlegenden Inhalte vermittelt werden:

     

    Literatur

    1. Sekundärliteratur

     

     

    2. Verfügbare Unterrichtsmaterialien

     

     

    WICHTIG

    DIE "ORIENTIERUNGSHILFE" WIRD ZURZEIT ÜBERARBEITET UND IM JAHR 2010 ALS NEUAUFLAGE IN DRUCK GEHEN.

     

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    aktualisiert am 24.02.2011
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